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Vipassana und ZEN

Hier im Westen sind viele Menschen etwas unentschlossen, sich einer einzigen Meditationsmethode zu widmen. Das kommt vielleicht daher, dass Meditation schnell mit Sekten in Verbindung gebracht wird und es einer persönlichen Einschränkung nahe kommt nur EINE einzige Methode zu praktizieren. Das ist auch bei den sog. Entspannungsmethoden zu beobachten. Da kombiniert man dann Methoden wie beispielsweise Taiji und Qigong, Raja Yoga und Hatha Yoga oder eben Triathlon. Eine Methode scheint uns nicht schnell genug zum Ziel zu führen, also gehen wir nach dem Prinzip: »viel hilft viel«. Das hat seine Vorteile, da man so heraus finden könnte, was zu einem passt und darüber hinaus können Kenntnisse und Erfahrungen aus der einen Methode zu einem vertieften Verständnis einer anderen Methode führen. Oder es kann die Angst dahinter stehen, sich an eine Methode oder gar an einen Lehrer zu verlieren und als Dogmatiker zu gelten.

In der Meditation begegnete ich persönlich der Kombination von Vipassana und Zen.

Ich begann meine Meditations-Praxis in Thailand in einem Theravada-Kloster und erlernte dort die Vipassana-Meditation. Acht Jahre später begegnete ich dem Zen-Meister Fumon Nakagawa Roshi.

Heute kommen immer mehr Menschen über das MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) zur Meditation, die eher vom Vipassana beeinflusst ist.

Zen scheint für viele zu religiös. Mönche mit ihren kahl geschorenen Köpfen, den Roben und den vielen Ritualen.

Für mich unterscheiden sich die beiden vor allem darin, dass man im Zen in einer Welt lebt, die ein Erwachen in die Freiheit beinhaltet. Dabei ist das Momentum des Erwachens nichts, was es zu erreichen gilt, sondern etwas das sich durch mich zum Ausdruck bringt – ohne mein zutun. Es ist also bereits da. Zen ist damit der Ausdruck von Bhuddaschaft (Erwachen). Im Vipassana beobachte ich, wie der Geist arbeitet, funktioniert. Die Untersuchung dessen wie der Geist arbeitet steht im Vordergrund, während es im Zen nicht sonderlich betont wird.

Im Zen zeigt man dir dein Kissen, sagt dir wann du welchen Fuß beim eintreten ins Zendo wohin setzt, wie du die Hände legst und dass du den Rücken gerade halten sollst. Dann ertönt die Klangschale. Die Frage, was während des Sitzens (Zazen) getan werden soll, wird im Zen nicht beantwortet.

Wir im Westen wollen die Dinge, die wir tun möglichst richtig und effizient tun. So sind wir nun mal trainiert. Für einen solchen Geist bleibt Zen erst einmal ein Mysterium. Andererseits ist es befreiend, keine Anweisung zu haben wie es geht. So kann man es weder richtig noch falsch machen. Zen ist für mich sehr viel erfrischender als Vipassana, wie ich es erlernt hatte, wo es immer etwas zu tun gab und die nächste Anweisung darauf wartete umgesetzt zu werden: „Konzentriere ich mich darauf oder mehr hier?; oder soll ich mich gar nicht konzentrieren?“.

Dagegen ist Zen sehr simple. Einfach sitzen.

 

So konnte mir Zen etwas beibringen, gegen das ich lange Jahre größten Widerstand in mir trug: Disziplin. Fumon Nakagawa Roshi gilt als sehr strenger Lehrer. Die Sitzperioden beginnen mitten in der Nacht, gehen über 45 Minuten und sind nicht optional. Du hörst die Glocke, Du gehst in das Zendo. Sehr einfach.

Wenn ich beim Vipassana nicht zum Sitzen kam, dann kam ich eben nicht. Ich musste also eine eigene innere Disziplin aufbauen. Im Zen sitzt du mit der Gruppe. Deine eigenen Vorlieben spielen hier keine Rolle.

Im Vipassana kannst du deinen eigenen Rhythmus mit dem der Gruppe abgleichen. So findest du eine Disziplin, die aus dir heraus wächst.

Auch die Lehrer-Schüler-Beziehung im Zen ist anders als die im Vipassana. Mein Vipassana-Lehrer Steve Weisman war immer sehr interessiert an meiner Meditations-Praxis, an den Fortschritten, die ich machte. In den Gesprächen mit Genpo Roshi und Fumon Nakagawa Roshi geht es selten um die Meditation dafür aber über Aspekte des Lebens, der Arbeit, der Beziehungen, die wir führen. Ich habe das als sehr wertschätzend erfahren, nicht nur als Meditierender gesehen zu werden.

Im Zen-Kloster Eisenbuch lebt man mit den Lehrern. Der Unterricht findet nicht nur in Vorträgen oder Einweisungen statt. Der Unterricht findet immer statt – 24/7. Wenn man so nahe am Lehrer dran ist, fällt man nicht so einfach in die Falle der Idealisierung des Lehrers. Man lernt den Lehrer als ganzen Menschen kennen. Die schönsten Lektionen durfte ich lernen, wenn ich Seite an Seite mit meinem Lehrer den Hof fegte, die Blätter aus dem Steingarten sammelte oder einen Baum pflanzte. Man sagt ja auch, dass Zen-Training eher ein körperliches Training als ein geistiges Training ist. Ein ganz wesentlicher Unterschied zum Vipassana.

Man findet das auch in den Dharma-Unterweisungen im Zen. Das Dharma ist nichts, dass es zu erreichen gilt, das Dharma bringt sich in diesem Augenblick zum Ausdruck. Es ist hier und nicht irgendwo anders. Ein wunderbarer Aspekt des Zen.

Im Zen ist das WIE in der Unterweisung wichtiger als das WAS. Dabei ist das WIE deine Praxis, die durch dich zum Ausdruck kommt. In diesem Moment sprichst du nicht über das Dharma, du bist das Dharma. Das Zen-Training strahlt in alle Bereiche des Alltags: die Art wie wir essen, wie wir uns waschen, wie wir gehen, usw. alles beinhaltet die gleiche Gegenwärtigkeit, als ob wir auf dem Kissen säßen. Es gibt keinen Unterschied zwischen sitzen auf dem Kissen und den gewöhnlichen Abläufen des Alltags. Sitzen und nicht sitzen sind nicht voneinander getrennt. Ich sitze, gehe zur Arbeit und sitze wieder – kein Unterschied. Alltag und Meditation gehen Hand in Hand. Hier in Wiesbaden wollen wir Übenden die Gelegenheit geben das Sitzen in ihren Alltag zu integrieren. Dafür bieten wir Zazen-Kais an (intensive Tages-Retreats) und die offene Sitzgruppe am Donnerstag-Abend. Zukünftig planen wir auch am Morgen offene Gruppen anzubieten.

Wie gesagt, im Zen gibt es keinen Unterschied zwischen Praxis und Ziel – das Ziel ist die Praxis. Witzig nur, dass ich durch das Vipassana die Klarheit entwickelte, die dafür nötig war, um das Ziel loszulassen. Ich schätze die Unmittelbarkeit, die Ästhetik und die Poesie des Zen und den forschenden, pragmatischen Geist des Vipassana.

Es ist ein großes Geschenk Spiritualität zu praktizieren, die frei ist von philosophischen Konzepten oder metaphysischen Dogmen. Es ist sehr befreiend die Ursachen von Leiden direkt zu verstehen und zu erfahren.

Wenn wir frei sind von Leid, findet alles seinen Weg.

Do-Itzu (Jochen)